Berlebachs Holzstative: Report 442- Testberichte

Früher waren Holzstative Gang und Gebe, doch heute scheinen sie in Vergessenheit geraten. Berlebach Stativtechnik, ein sympathischer kleiner Betrieb aus dem erfinderischen Sachsen (genauer: Mulda) bleibt den hölzernen Alternativen seit 1898 treu.

Dass die Stative jedoch nicht nur Einrichtungsgegenstände, sondern sehr gute Werkzeuge sein können, wird bereits beim Betrachten der Website offenbart.

Anfang 2019 habe ich mich dazu entschieden, ein Berlebach Report 442 zu kaufen. Die Entscheidung viel mir erstaunlich leicht, vermutlich weil ich schon im vorigen Mai die Möglichkeit hatte, ein Berlebach-Stativ in der Praxis zu testen.

Als ich in der Bastei war, habe ich mich jeden Morgen und Abend mit dem UNI-27c hingestellt und auf den Sonnenauf- bzw. -untergang gewartet. Dabei ist mir vor Allem die Stabilität aufgefallen: Selbst bei komplett ausgefahrener Mittelsäule (50cm!) und leichtem Wind hat sich meine Kamera nicht bewegt. Sie stand bombenfest und der gesamte Aufbau war einfach ein Hingucker. Damit kommt man mit fast jedem Fotografen ins Gespräch, der einem begegnet.

Außerdem scheint die Konstruktion des Stativs zu simpel um wahr zu sein. Die Beine bestehen im Wesentlichen aus drei Holzbalken, von denen einer mittig zwischen den beiden anderen liegt und verschoben werden kann (um die Beine auszufahren). Die Feststellung der Beinauszüge erfolgt durch ein einfaches Zusammendrücken der beiden äußeren Balken und ein dementsprechendes Einklemmen des inneren Balkens. Die Beine wiederum werden von einem runden Metallelement an ihren oberen Enden zusammengehalten und über Gelenke mit 5 Anschlägen eingestellt. Über Klemmhebel kann der Widerstand der Gelenke für ein leichteres oder schwereres Verstellen des Beinausschlags eingestellt werden.

An den Enden der Beine befinden sich natürlich die Fußspitzen: Gummikappen an einem Gewinde. Diese kann man zurückschrauben und so Spikes für einen besseren Halt auf gewissen Untergründen freilegen.

In der Mitte des Metallelements, das die Beine zum Stativ vereint, befindet sich ein Modul. Je nach Auswahl ist es eine Mittelsäule (verschiedene Längen, auch teilbar mgl.) mit oder ohne Nivellierung zum Ausgleich von Unebenheiten (für Panoramafotografen wichtig), mit oder ohne Kurbelsäule, etc.

Neben der UNI-Reihe für schweres Equipment (25kg und schwerer) und den Astro-Stativen (bis zu 220kg Traglast), gibt es auch die Report-Reihe für „normale“ Ausrüstung. Im Falle meines Stativs liegt die Traglast bei 10kg im ungünstigsten Fall (Beine auf 110° gespreizt, Mittelsäule komplett ausgefahren und auf 15° gekippt). Doch die Report-Stative sind nicht nur leichter und dünner, sie unterstützen auch Berlebachs eigenes Modulsystem. D.h. man kann statt des mitgelieferten Moduls (man kann sich zu jedem Stativ hat. das Modul zur Lieferung aussuchen) auch weitere Module einsetzen. So kann man welche ohne Mittelsäule oder mit Kurbelsäule (mit/ohne Nivellierung) einsetzen. Diese erhöhen den Einsatzbereich der Report-Multitalente ungemein.

Außerdem gibt es die Stative in verschiedenen Größen, von Hüfthoch bis 2,3m ist alles dabei. Der Konfigurator kann die Entscheidung beim Kauf der Stative zusätzlich vereinfachen. Die aus drei Zahlen bestehende Bezeichnung der Stative ist ebenfalls so pragmatisch wie die Stative selbst: die erste Zahl gibt die Größe an (1 – 4 für Stative mit einfachem Beinauszug: 1 ist klein, 4 ist groß; und 7 – 9 für Stative mit zweifachem Beinauszug: 7 ist klein, 9 ist groß), die zweite das Modul (Moduleinsatz 1/2/3/usw.) und die dritte die Anzahl der Beinelemente (2 für den einfachen Beinauszug (2 Beinelemente), 3 für den zweifachen Beinauszug (drei Beinelemente)).

Es gibt auch  zahlreiche Zusätze, wie Klemmhebel für Report-Stative, zusätzliche Klemmschellen für Report-Stative (für mehr Stabilität), Stativtaschen (hochwertig und wasserabweisend), zusätzliche Spikes für große Spreizwinkel, Ablageplatten aus Holz oder Ablagetaschen, den hauseigenen Monkeygrip 1 und 2 und noch Vieles mehr.

Doch nun zu der entscheidenden Argument der Stative: der Werkstoff. Holz vereint viele Vorteile und bringt recht wenig Nachteile mit sich.

Zunächst einmal ist das Holz (Eschenholz) sehr schwingungsarm, d.h. wenn es zu Erschütterungen im Boden oder durch die Kamera selbst kommt, werden diese deutlich schneller absorbiert als in vergleichbaren Aluminium-, Carbon- oder Basaltstativen. 

Zudem sind Holzstative konstruktionsbedingt pflegeleichter. Man kann sie problemlos in Wasser, auch Salzwasser, stellen oder in extremere Regionen, wie Wüsten oder andere sandige oder dreckige Gebiete, mitnehmen, weil sie fast keine geschlossenen Gelenke oder Verschlüsse haben, in denen sich Dreck und Schmutz ansammeln könnte. Man kann sie einfach wieder abspülen.

Gerade in unserer Zeit ist der Naturschutz ein bewegendes Thema, und Holz als nachwachsender Rohstoff ist daher nicht nur fotografisch, sondern auch sozial ein vielseitiger Rohstoff. Zudem stammt Berlebachs Holz aus den besten Eschen-Forstgebieten mit einer kontrollierten Rodung und entsprechenden Aufforstung.

Was macht man nicht alles für ein Foto? Man quält sich stundenlang bei Wind und Wetter, bei Hitze und Kälte für nur ein einziges Foto. Doch gerade der Schutz gegen die erwähnte Kälte ist oft das, was vielen Stativen fehlt: Entweder ist an keinem, einem oder zwei Beinen Schaumstoff und nur selten an allen drei Beinen. Holz ist da recht unproblematisch, genau wie Carbon bleiben Holzbeine bei Kälte angenehmer als Aluminiumbeine.

Neben all diesen praktischen Vorteilen und Kriterien für den Stativkauf sollte man die Optik natürlich auch nicht vernachlässigen. Und gerade Holzstative sind der Hingucker. Ob als Einrichtungsgegenstand im heimischen Arbeitszimmer oder als Arbeitsmittel auf dem Berg, wenn man nicht gerade mit einem Holzstativ-Club unterwegs ist, kann man den Fragen anderer Fotografen kaum entgehen.

So schön das alles klingen mag, wie alles im Leben gibt es auch bei Stativen nicht das perfekte Stativ, die Eierlegendewollmilchsau, sondern nur Kompromisse. Die wohl größten Nachteile der Holzstative sind das Packmaß und das Gewicht (die Masse). Mein Report 442 hat ein Packmaß von gut 105cm (ohne Stativkopf!), außerdem wiegt es gut 5kg (mit diversem Zubehör). Aber für ein perfektes Foto machen Fotografen bekanntlich viel… 😉

Aber jetzt mal Butter bei die Fische – Wie viel kostet denn der Spaß? Die kurze und eventuell unbefriedigende Antwort: Viel. Verglichen mit Stativen ähnlicher Größe (oder ähnlicher Masse) kosten die Holzstative (meinem Empfinden nach) merklich (aber nicht viel zu viel) mehr. Im Falle meines Statives beliefen sich die Gesamtkosten (mit Zubehör) auf knapp 600€. Das ist sehr viel, aber ich sehe es mehr als eine Investition, da ich das Stativ vermutlich noch meinen Enkeln vererben kann :-).

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